Glaube und Moral

Mikuláš Török, 26.03.2008

Wir leben in der Zeit der Paradoxe und entgegensetzten Anforderungen. Das betrifft auch die Ansichten an die Kirche. Die Gesellschaft stört einerseits fast jede Unterschiedlichkeit vom Durchschnitt (und in Tschechien ist es besonders ausgeprägt, wie auch verschiedene soziologische Forschungen belegen), andererseits argumentiert sie gerade gegen die Kirche entsprechend dem Bedarf mit Worten: „Ihr seid gleich wie die anderen." Wenn der Christ zum Beispiel nicht mit den anderen in die Kneipe geht sich zu betrinken, ist er komisch, beziehungsweise wird er als Fanatiker bezeichnet. Wenn er im Gegenteil geht, wird es mit Dank quittiert, aber wenn er dann in einer Angelegenheit eine unterschiedliche Stellungnahme ausdrücken will, wird er selbstverständlich verstummt: „Was wirst du uns sagen wollen, sieh mal nur, was du selbst machst!" Der Beispiel mit der Kneipe ist natürlich nur eine Illustration - ähnlich ist es mit sexuellen und anderen Sünden.

Dieses Paradox ist allerdings nur anscheinend und zuletzt ganz gut erklärbar. Die Leute - obwohl manchmal unbewusst - erwarten, dass Christen andere Menschen sind - bessere, sauberere, ehrlichere als Ungläubige. Diese Erwartung ist ganz legitim, begreifbar und richtig. Gleiche Taten, gleiche Fehler, kleine Verfehlungen oder große Sündenfälle schätzen sie bei Christen anders als bei anderen Menschen. Andererseits braucht die Kirche überhaupt nichts sagen und die Leute nehmen sie als ein vorwurfvolles Gewissen wahr. Schon bloß ihre Anwesenheit wirkt so, dass sie auf die Existenz der Sünde zeigt, und zwar sehr persönlich. Wenn sie noch dazu spricht, ruft das oft Widerstand, Spott, Aversion auf. Der Inhalt dieser nervösen Reaktion ist: „Warum seid ihr anders als wir?!" und vor allem: „Warum sagt ihr uns, dass wir etwas schlecht machen??!!"

Immer wenn es geht, nützt die Welt eine Angelegenheit, der Kirche ihre Fehlhandlungen, bzw. ihre zufällige Sünden vorzuwerfen. Andererseits auch nur schweigendes Anderssein und Absage des sündhaften Lebens ruft oft allergische, bzw. hysterische typische Reaktionen wie: „Du bist ein Fanatiker!!" hervor.

Die Rolle der Kirche ist wirklich nicht, andere zu moralisieren und der Welt ihr Sündenregister vorzuhalten. Dann hätte die Kirche kaum für keine weitere Sachen Zeit und wäre sie depressiv und verbittert. Die Kirche kann aber auch nicht mit der Welt verschmelzen; sie kann nicht die Sünde ignorieren und zuallerletzt in die Sünde geraten, weil sie dann der Sinn ihrer Existenz in der Gesellschaft verliert. Dann kann sie höchstens irgendeine Rolle in dem sozialen Bereich ausüben oder völlig leere Rituale durchführen.

„Ihr seid das Salz der Erde. Wo nun das Salz dumm wird, womit soll man's salzen? Es ist hinfort zu nichts nütze, denn das man es hinausschütte und lasse es die Leute zertreten." (Matthäus 5:13)

Diese Widersprüche sind nichts Neues, das bezeugen auch Worte des Apostels Petrus:
„Das befremdet sie, daß ihr nicht mit ihnen laufet in dasselbe wüste, unordentliche Wesen, und sie lästern." (1. Petrusbrief 4:4)
„Liebe Brüder, ich ermahne euch als die Fremdlinge und Pilgrime: enthaltet euch von fleischlichen Lüsten, welche wider die Seele streiten, 12 und führet einen guten Wandel unter den Heiden, auf daß die, so von euch afterreden als von Übeltätern, eure guten Werke sehen und Gott preisen, wenn es nun an den Tag kommen wird." (1. Petrusbrief 2:11-12).

Die Kirche muss der Sinn ihrer Existenz vom Gottes Wort schöpfen. Sie muss den Glauben haben, dass das Beste ist, das zu suchen, wie man sich Gott gefallen und wie man ein wirklich Gott angenehmes Leben führen kann. Sie muss die Hoffnung haben, dass sie so nicht nur vor Gott stichhält, sondern dass sie so auch wirklich nützlich für die Leute wird.

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