Tag der protestantischen Reformation

Mikuláš Török, 31.10.2004

Die westliche Zivilisation, so wie wir sie heute kennen, hat am 31. Oktober 1517 begonnen.
Es ist schon fast 500 Jahre her, als der 34jährige Augustiner Priester Martin Luther an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg seine 95 Thesen annagelte, als einen Aufruf zur Revision der Lehre, die die offizielle katholische Kirche vorlegte. Zurzeit hat er selbst noch nicht gewusst, dass das Erneuerungswerk, das er mit diesem Schritt begonnen hat, die ganze Welt verändern wird. Demokratie, Freiheit, Menschenrechte, freier Markt und weitere Werte, die in der heutigen westlichen Gesellschaft anerkannt werden, haben nämlich in der Reformation ihre Wurzeln.

 

Der Anlass, von dem diese Disputation hervorgerufen worden war, waren die Praktiken der Ablassverkäufer, namentlich die des Dominikanermönches Tetzel. Luther hatte die Ablässe verworfen und erklärte, dass nur Gott unsere Sünde erlassen vermöge. Er setzte voraus, dass seine auf der Heiligen Schrift gegründete Lehre durch die ganze Kirche akzeptiert wird, aber stattdessen wurde er berufen, sich wegen seiner Tat zu verantworten. Der Papst erließ im Jahre 1520 eine Bulle, in der Luther mit Exkommunikation gedroht wurde. Luther hat sie aber kurz vor Weihnachten 1520 vor dem Elstertor in Wittenberg zerrissen. Während der Disputation in Leipzig erklärte er, dass der Gehorsam gegenüber dem Papst keine Voraussetzung für Erlösung sei und dass die kirchlichen Konzilien sich irren könnten. Dort bekannte er sich zu der böhmischen Reformationsbewegung und behauptete, dass Hus unrechtmäßig verbrannt worden sei.

 

Unmittelbar danach erklärte der Papst Luthers Lehre zur Ketzerei und hat eine Verbannung über ihn verhängt. Luther blieb aber der Heiligen Schrift und seiner Überzeugung treu. Dank seinen mächtigen Verteidigern, namentlich dem sächsischen Kurfürsten Friedrich dem Weisen, hatte er die Rechenschaft nicht in Rom, sondern auf dem Reichstag zu Worms im Jahre 1521 abzulegen. An jenem Tag saß der Kaiser Karl V. vor. Die Versammlung hatte Luther aufgefordert, seine Lehre zu widerrufen, aber Luther erklärte, dass er nicht widerrufen dürfe, weil seine Lehre auf der Bibel aufgebaut sei. Er teilte seine eigenen Schriften in drei Gruppen ein: erstens in lehrende Schriften, in denen er die Wahrheit laut Wort Gottes unterrichte - daher dürfe er sie nicht widerrufen. Die zweite Gruppe seien Schriften gegen das Papsttum, sein Luderleben und die falsche Lehre, die die Christen bedrücken würden. Dieses zu widerrufen hieße, die Tür für eine Tyrannei zu öffnen. Die dritte Gruppe würden jene Bücher bilden, in denen er Glaubensstreiten mit privaten Personen führe. Hier erkenne er an, er sei scharf, aber es gehe um die Lehre von Jesus Christus selbst, darum dürfe er nicht widerrufen, nur wenn man ihn anhand der Bibel überzeugen würde.

 

Luther wurde als hartnäckiger Ketzer bezeichnet, es wurde über ihn die Reichsacht verhängt, laut der ihm niemand Unterkunft, Ernährung oder Trinken gewähren dürfe. Es wurde angeordnet, seine Bücher und Schriften zu verbrennen, und es wurde verboten, diese weiter zu drucken. Luther geriet in Lebensgefahr. Friedrich der Weise organisierte darum einen falschen Überfall auf ihn, um ihn vor der Verhaftung und Hinrichtung zu bewahren. Friedrichs Soldaten durften ihrem Auftraggeber selbst nicht mitteilen, wohin sie Luther entführten. Und zwar deshalb, damit Friedrich - falls der Kaiser ihn fragen würde, ob er weiß, wo sich Luther befindet - nach wahrem Stand der Dinge eine negative Antwort geben kann... Friedrichs Soldaten beherbergten Luther auf der Wartburg. Dort übersetzte Luther in einem einzigen Jahr das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche. Trotz der ungewöhnlich hohen Auflage und hohem Preis (ein Exemplar kostete so viel wie ein Pferd) war die Übersetzung während drei Monate vergriffen. Nach dem einjährigen Aufenthalt auf der Wartburg weigerte sich Luther, sich weiter zu verbergen. Er hat diesen Entschluss gefasst, obwohl er wusste, dass er von nun an von Auftragskillern und Giftmischern bedroht ist, die der Papst zu seiner Liquidation entsenden wird. Er schrieb dem sächsischen Kurfürsten einen Brief, in dem er ihm mitteilte, dass er weiterhin auf Gott und nicht auf Schutz des Kurfürsten vertrauen wolle, weil dieser - Luthers Meinung nach - gegen die Luther drohenden Gefahren sowieso allzu machtlos sei. Es ist noch zu bemerken, dass es nie gelungen ist, Luther zu verhaften oder zu ermorden.

 

Beim Studium der Bibel entdeckte Luther eine der wesentlichsten Wahrheiten des Wortes Gottes: Die Menschen können weder durch Rituale der Kirche, noch durch ihre guten Taten, sondern nur durch den Glauben in Jesus Christus erlöst werden. Seine Auffassung der Erlösung veränderte nicht nur das Gesicht der Kirche, sondern auch das der ganzen christlichen Welt für immer.

 

Luthers Lehre von der Gleichheit aller Menschen vor Gott sowie vor dem Gesetz ist ein Grundstein der modernen politischen Demokratie geworden. Religions- und Gewissensfreiheit überhaupt ist eine Idee, die Luther in der biblischen Lehre über den Glauben entdeckte. Er behauptete, dass der Christ von der eigenwilligen Vorherrschaft der Kirche oder des Staates frei ist, falls diese der von Gott ihnen anvertrauten Aufgaben untreu geworden sind.

Er sprach sich gegen Gewalt beim Durchsetzen der unterschiedlichen Ansichten und Glaubensrichtungen. Er schrieb: Das Wort ist das, mit Hilfe dessen wir kämpfen müssen, durch das Wort müssen wir das, was mit Gewalt eingesetzt wurde, verwerfen und vernichten."

 

Auch die Ökonomie des freien Marktes ist eine politische Äußerung von Ideen der Reformation. Protestantische Auffassung des Einzelwesens, das durch Gottes Kraft fähig ist, seine Umgebung und den Stand der Gesellschaft zu ändern, führte zur Überzeugung, dass jede Arbeit zu Gottes Ehre gemacht werden kann, wenn sie gut und verantwortlich verrichtet wird. Diese Gedanken waren auch ein Impuls zur Beendigung der Leibeigenschaft.


Es war nicht das Ziel von Martin Luther, eine neue westliche Zivilisation zu schaffen, sondern die Wahrheiten des Wortes Gottes zu verkünden. Alles andere war eine Folge dessen, wie sich die durch ihn verkündeten Wahrheiten verbreiteten.

 

Die Reformation der Kirche ist also nicht nur eine geschlossene historische Epoche, und sie ist nicht nur eine Lebensetappe von Martin Luther. Die Reformation ist auch heute ein ständig aktueller Prozess, der auch weiterhin seine Wirkung auf die ganze Gesellschaft ausübt. Nicht nur die Bibel, sondern auch die historische Erfahrung der letzten Jahrzehnte beweisen, dass ein freies, erfolgreiches und gefülltes Leben sowohl des Einzelwesens als auch der ganzen Gesellschaft davon abhängig ist, wie große Wichtigkeit dem Wort Gottes zukommt. Nachdem die Flammen der Reformation in der Vergangenheit das Antlitz der Welt verwandelt haben, können sie das ganz sicher auch heute verursachen.

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